Säen und ernten

Samenkörner sind ein Wunder. In jedem von ihnen steckt Leben - und das haben nicht menschliche Hände hineingelegt. Menschen müssen vielmehr darauf vertrauen, dass ein Wunder geschieht - wenn das Korn in die Erde gelegt wird, wenn die Sonne es erwärmt und der Regen darauf fällt. Wenn das Korn sich aus der Erde Kraft holt, die der Landwirt behutsam vorbereitet hat. Und eines Tages bricht aus dem Korn eine kleine Spitze hervor, ein frischer Keim, der die Erde durchdringt und ans Tageslicht kommt. Dann sprießen kleine grüne Blätter aus der Erde, wächst ein Halm, der sich der Sonne entgegenstreckt. Und wenn der Halm sich öffnet, dann entwickelt sich die feste Ähre mit den vielen neuen Körnern, die im Sommer reifen und auf ihre Ernte warten.

Dass wir auf dieses Wunder vertrauen können, Jahr für Jahr, im Wandel der Zeiten immer wieder neu, dafür können wir dankbar sein. Trotz prall gefüllter Supermarktregale mit Brot, Fleisch, Gemüse und exotischem Obst zu Discounterpreisen dürfen wir an das erinnern, was die Alten noch wussten: dass nicht selbstverständlich ist, was wir täglich haben dürfen, dass es nicht durch menschliche Arbeit allein garantiert ist, sondern dass uns Gott mit seiner Güte und Verlässlichkeit entgegenkommt.

So ergeben sich fast wie von selbst Maßstäbe oder Leitlinien für unser Säen und Ernten, für unseren Umgang mit der Schöpfung und ihren Gaben. Dann wachsen Verantwortung und Ehrfurcht, Verständnis für die Arbeit der Landwirte und Vertrauen in die Lebensmittel, die sie produzieren. Dann wachsen Dankbarkeit und die Bereitschaft, die Schöpfung zu bewahren.

Maik Dietrich-Gibhardt

Der Frühling ist zwar schön; doch wenn der Herbst nicht wär,
wär zwar das Auge satt, der Magen aber leer

Friedrich von Logau

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