"Reizwort Sterbehilfe"

Vor einigen Monaten durfte er sterben. Drei Jahre lang hatte der junge Mann mit seiner Krankheit gelebt, war durch Phasen der scheinbaren Besserung und durch Zeiten bitterer Rückschläge gegangen. Der Gedanke an die Familie, seine Frau und die beiden Kinder, hatte ihm Kraft gegeben, so lange gegen den Krebs zu kämpfen - an der Grenze zwischen Leben und Tod.

Als die Funktion der Organe zusammenbrach und die verbleibende Lebenszeit auf wenige Tage schrumpfte, entschied er sich bei vollem Bewusstsein gegen eine Verlängerung seines Leidens. Die Familie, ein Arzt und der Klinikseelsorger begleiteten ihn in seinen letzten Stunden. Seinen Wunsch, auf diese natürliche Weise sterben zu dürfen, hatten sie akzeptiert.

Diese und andere Formen passiver Sterbehilfe am Ende einer langen Leidenszeit gelten in unserem Staat als rechtlich und ethisch vertretbar, solange die betroffene Person selbst den Wunsch dazu erklärt.

Ganz anders ist die rechtliche Lage, wenn sich eine Person für eine aktive Form der Sterbehilfe entscheiden möchte. Etwa zu Beginn einer schweren Krankheit. Wenn die Pflegebedürftigkeit gefürchtet wird oder gar, wenn die Pflege nicht finanzierbar scheint und nahe Menschen fehlen, die unterstützen könnten. Das Leiden, nicht sterben und auch nicht leben zu können, verändert das Dasein und das Miteinander in den Familien grundlegend. Aber dennoch: aktive Sterbehilfe gilt rechtlich als Form gezielter Tötung und wird strafrechtlich verfolgt.

Die Evangelische Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz haben gemeinsam wiederholt zu diesem Thema Stellung bezogen und gute Gründe gegen eine aktive Sterbehilfe genannt (http://www.ekd.de/EKD-Texte). Die Denkanstöße gehen über das bekannte Gebot "Du sollst nicht töten" hinaus:

Der Mensch ist nicht imstande und auch nicht dazu berufen, über den Wert eines Lebens zu befinden, auch nicht des eigenen. Was einer für andere bedeutet, auch in Zeiten der Pflegebedürftigkeit, das vermag niemand selbst zu ermessen: Ist der einzelne nicht in jeder Lage seines Lebens auf ganz eigene Weise wertvoll? Wertvoller, als er selbst das einzuschätzen und zu empfinden vermag?

In biblischer Perspektive ist es gerade nicht die Leistungsfähigkeit, die "Fitness" eines Menschen, die sein Dasein rechtfertigt. In jeder Lebenslage darf sein, was ist. Und: Für jeden Moment eines Lebens gilt die Zusage, in Jesus Christus angenommen und wertgeachtet zu sein. Hineingenommen in die Bewegung Gottes, die vom Leid ins Leben führen wird.

"Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden" (Mt 5,4) - das ist Zuspruch dem Leidenden und zugleich Anspruch an die Begleitenden.

Der junge Familienvater hat in der Zeit seiner Krankheit weit über den engen Kreis seiner Familie hinaus gewirkt. Durch seine Art, mit der Krankheit zu leben. Mir selbst hat er zudem gezeigt, wie einfühlsames Begleiten in Krankheit und Sterben den Wunsch nach aktiver Sterbehilfe vertreiben kann.

Vikarin Ulrike Kugler-Schopp

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