Karoline
"Sind alles ganz normale Menschen und haben keine Hörner"

200 Jahre evangelische Christen in Trudering
Liebe Gemeinde, gerade gut 200 Jahre alt ist oben genannter Ausspruch, den katholische Gemeindeabgeordnete von sich gegeben haben, als sie nach Karolingenfeld bei Rosenheim reisten, um im dortigen Flüchtlingslager zum ersten Mal in ihrem Leben evangelische Christen zu bestaunen.

Auch das streng katholische Bayern blieb von den Kriegswirren und dem Einfall der Franzosen in die Rheinpfalz Ende des 18. Jahrhunderts nicht verschont. Durch die Flüchtlingsströme kam die Bevölkerung erstmals mit fremden, und bis dato streng verbotenem Gedankengut in Berührung. Bis zu dem Zeitpunkt bestimmten die Herrscher den Glauben ihrer Untertanen und der war traditionsgemäß gut katholisch. Erst die Hochzeit des späteren Bayernkönigs Max I. mit der badischen Prinzessin Karoline lockerte die rein katholische Linie, da die Braut ihren evangelischen Hofprediger mitbrachte. 1801 wurde dem ersten evangelischen Christen, dem Weinwirt Michel aus der Pfalz, das Bürgerrecht verliehen.
Auch vor den Toren der Stadt, in dem kleinen Dorf Trudering, hielten 1803 die ersten evangelischen Bewohner ihren Einzug. Die Familien Becker und Erhard erwerben gemeinsam je zur Hälfte den oberen Zehetbauerhof. Während die Familie Becker 1819 nach Moosach weiterzieht, bleiben die Brüder Adam und Nikolaus Erhard in Trudering. Die Enkelin von Adam heiratet Philipp Lehrer und ihre Nachfahren bewirtschaften bis 1965 die ererbten Höfe. Der letzte Lehrer-Nachfahr vererbt der Gemeinde zur Erinnerung an diese erste evang. Siedlerfamilie ein Waldgrundstück in Waldtrudering und ein Grundstück an der Klothildenstraße.

1813 zieht die Familie Stahl aus Offenbach zu, 1853 lässt sich die mennonitische Familie Habeker in Gronsdorf nieder, 1864 zieht der Bäckermeister Gnann mit Familie aus der Leipheimer Gegend nach Trudering, ihm folgt 1898 die Familie des Gärtnereibesitzers Elster
Bestand Trudering 1813 aus 314 Einwohnern, davon 18 Evanglische, so gab es um die Jahrhundertwende in Trudering und Gronsdorf schon insgesamt 12 evanglische Familien.

Der große Bevölkerungsboom setzte nach dem 1. Weltkrieg ein: 1925 hatte Trudering 2350 Einwohner, davon 357 Evangelische und 1930 6000 Einwohner mit 600 evang. Christen.
Bis zur Einweihung unserer Friedenskirche am 21. September 1930 mussten die Truderinger Evangelischen lange Wege auf sich nehmen, um am Gottesdienst teilhaben zu können. Bis 1924 nahmen sie am Gottesdienst in Perlach teil, dann konnten sie monatlich einen eigenen Gottesdienst in der Schule am Lehrer-Götz-Weg abhalten, zu dem der Geistliche aus Perlach kam. Für Bibelstunden und Bewahrung evangelischer Bräuche sorgte der "Evangelische Verein Trudering". Bis 1926 waren die Truderinger Tochterkirchengemeinde von Perlach, ab 1929 übernahm die neugegründete Pfarrei Berg am Laim diese Funktion. Daran änderte auch die neuerbaute Friedenskirche nichts. Erst am 1.1.1955 wurde Trudering selbständige Gemeinde mit ca. 3500 Gemeindegliedern. Auch heute noch ist Trudering eine wachsende Gemeinde mit inzwischen über 6000 Evangelischen und längst wird nicht mehr kontrolliert, ob die Neuhinzuziehenden "Hörner haben". Zu bunt und individuell ist unsere Gemeinde geworden, zu viele verschiedene Biographien und Traditionen aus anderen Gegenden fließen in unser Alltagsleben ein. Aber trotzdem und vielleicht auch gerade deshalb leben wir in einer lebendigen, auf- und anregenden Gemeinde, in der es Spaß macht, sich einzubringen und ein geistiges Zuhause zu finden. Und bei aller Vielfalt bleibt die Grundlage, nämlich der Glaube an den lebendigen Gott, der unsere Vorfahren zu einer Gemeinschaft zusammenschweißte, erhalten. Ich freue mich mit und für unsere Gemeinde auf die nächsten 200 Jahre!

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